Hausgeburt

14. Januar 2018, 16 Uhr.

Seit 40 Wochen und 3 Tagen sind wir beide eine Einheit. So wie Ernie und Bert (hoffentlich lachst du anders als Ernie …), mit dem Unterschied, dass wir uns noch nie gesehen haben. Das wird sich aber bald ändern.
An diesem Sonntag hat Papa vormittags eine wunderschöne Taufe gehalten, bei der ich unbedingt dabei sein wollte. Hat geklappt.
Nun sind wir völlig entspannt: Mach dich auf den Weg, wann immer du willst. Von uns aus kann es losgehen.
Gut, die Wickelkommode ist noch nicht aufgebaut (wurde falsch geliefert und kam jetzt erst an). Ich hab den Elterngeld-Antrag noch nicht ausgefüllt, obwohl ich ihn vorbereiten wollte. Und eigentlich würde ich ja auch noch gerne das halbe Haus renovieren … aber egal. Den Zeitpunkt bestimmst du.

Gegen vier gehen wir alle mit dem Hund raus, und da merke ich zum zweiten Mal an diesem Tag, dass irgendetwas anders ist (das erste Mal war auf dem Weg vom Gottesdienst nach Hause). Es ist keine Wehe, nicht einmal etwas, das ich wirklich beschreiben kann. Einfach ein Gefühl. Mein Körper bereitet sich auf eine Geburt vor.

Aber sicherlich noch nicht heute. Diese Woche bestimmt, das schon.

Ich spüre es.

Vielleicht ist es aber auch Hunger …

 

18 Uhr.

Es gibt vor Fett triefende Kartoffelpuffer. Geil! Ich würde gerne noch mehr essen, aber erstens ist mein Magen seit Wochen auf die Größe einer Erdnuss geschrumpft, sodass kaum noch etwas hineinpasst, und zweitens werde ich ständig von diesem Ziehen abgelenkt.

Es tut nicht weh, aber es fühlt sich schon komisch an. Das muss eine andere Art von Übungswehen sein. In den letzten Wochen wurde mein Bauch ja ständig hart und manchmal tat es beim Gassigehen richtig weh, was sich als Senkwehen herausstellte.

Als alter Kontrolletti schmeiße ich zuerst mal meine Wehen-App an. Da wir eine Hausgeburt planen, will ich die Hebamme mal darüber informieren, wie es hier aussieht.

Alle 4 Minuten muss ich in die Knie gehen und gegen das Ziehen atmen. Ich zähle in Gedanken schnell bis zwanzig beim Ein- und Ausatmen, aber besonders hilfreich ist es nicht. Eine Minute dauern diese Wehen an, dann ist wieder 4 Minuten Ruhe. Oder 3. Manchmal auch viereinhalb.

Das sind keine echte Wehen. Das ist nur Übung. Übung, die langsam doch weh tut.

Meine Hebamme meint, dass ich es erst mal weiter beobachten soll.

Also gut, beobachten wir das Ganze mal. Ich schicke meinen Mann ins Wohnzimmer und verziehe mich ins Schlafzimmer.

Alle 4 Minuten. Na toll. Wenn das die ganze Nacht so geht, sehe ich morgen aus Ozzy Osbourne.

 

20 Uhr.

Scheiße, tut das weh.
Also ehrlich, geht das die ganze Nacht so weiter, mach ich nicht mehr mit. Wenn das die Übungswehen sind, wie sind denn dann echte?
Ich tippe vorsichtshalber in den Pausen eine WhatsApp-Nachricht vor: „Hallo Familie, ich habe Übungswehen. Macht euch keine Gedanken, die Geburt geht meiner Meinung nach noch nicht los, aber ich wollte euch mal informieren. Ihr hört von mir.

Ich schicke den Text noch nicht ab. Lieber erst noch etwas warten und gucken, ob es wirklich nicht gleich einfach wieder weg ist.

Wehen sind das noch nicht.

Puh! Wieder dieses Ziehen. Einfaches „bis 20 zählen“ reicht nicht mehr, ich wimmere vor mich hin und jaule auch schon mal auf, wenn ich noch nicht ganz bereit bin für die nächste. Zum Glück kann ich mich zwischendurch immer etwas ausruhen.

Was sagt die App?
Alle 3 Minuten.
Hm.

Ich gehe mal baden. Wenn diese Übungswehen stärker werden, sind es echte Wehen. Ansonsten sollten sie im Wasser schwächer werden oder sogar aufhören.
Das Badewasser ist schön warm (jetzt ist mir auch egal, wie heiß ich bade!), aber ich merke überhaupt keine Veränderung. Warte, ist dieses Ziehen jetzt weniger als vorher? Keine Ahnung.

Verdammt, worauf ist hier eigentlich noch Verlass?

Das Baden ist angenehm, aber nach ein paar Minuten gehe ich doch zurück ins Bett.
„Bereite dich auf eine lange Nacht vor“, meint meine Hebamme, als ich ihr ein Status-Update schicke.
Fantastisch. Wenn es wenigstens echte Wehen wären …

 

22 Uhr.

Ich kann langsam nicht mehr. Im Vorfeld habe ich gelesen, dass es bei fast jeder Geburt den Punkt gibt, an dem man das Gefühl hat, nicht mehr zu können.
Wenn die Schwangere „Ich kann nicht mehr!“ oder „Ich will nicht mehr!“ sagt, dauert es in der Regel nicht mehr lange, bis das Kind da ist.

Nur, dass es bei mir noch gar nicht losgegangen ist.

Die ganze Nacht kann ich hier noch rumliegen, alle zwei, drei Minuten jammern und rumschreien (was den Schmerz auch nicht erträglicher macht …) und ich weiß noch nicht einmal, ob das jetzt doch schon Wehen sind oder Übungswehen ohne Effekt. Einen Blasensprung hatte ich jedenfalls nicht.

Mein Mann bringt mir regelmäßig heiße Wärmekissen und Trinken vorbei, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Dennoch bin ich froh, dass er mich allein lässt und im Wohnzimmer ist. Ich möchte einfach nur für mich sein.

Irgendwie bin ich gerade etwas mutlos. So schmerzhaft hab ich mir das ehrlich gesagt nicht vorgestellt.

Ich hab doch extra meine HypnoBirthing-Übungen gemacht, Selbsthypnose geübt, mich richtig gut vorbereitet!

Innerlich hab ich den Kopf geschüttelt, wenn jemand von seinen Geburtsschmerzen berichtet hat und immer gedacht: Das wird dir nicht passieren.

Und nun bin ich von meinem Ross gefallen und liege jammernd und schreiend im Bett.
So kann das nicht weitergehen.

Meine Hebamme scheint meine Mutlosigkeit zu spüren und fragt, ob sie vorbeikommen soll. Ich sage ihr, dass mir das sehr helfen würde und sie verspricht, sich auf den Weg zu machen.

Ich lasse neues, heißes Badewasser ein (na gut, mein Mann lässt es ein). Dann lösche ich meine vorgefertigte Massennachricht an alle Familienmitglieder und tippe in einer kurzen Wehenpause nur einen Satz:

„Ich glaube, es geht los.“

 

Mitternacht.

Das Wasser ist wunderbar! Die Schmerzen sind viel erträglicher als zuvor und ich will nie wieder aus dieser Badewanne steigen.

Vielleicht sind es doch nur Übungswehen?

Au, au, au! Ich winde mich in der Wanne und jammere. Die gekachelten Fliesen werfen mein Schreien zurück. Eigentlich wollte ich das Licht ausmachen, aber jetzt sitze ich ohne Handy schon im Wasser und es ist zu anstrengend, meinen Mann zu rufen.

Eine Monsterwehe bahnt sich an, die mich fast aus der Wanne springen lässt. Ich schreie wirklich laut – zum Glück haben wir ein Einfamilienhaus, sonst hätten die Nachbarn schon lange die Polizei geschickt, weil sie ein Massaker vermutet hätten – und dann endlich gibt es einen kleinen Knall und der Druck lässt nach.

Die Fruchtblase ist geplatzt.

Ich dachte ja immer, dass das mit dem Knallen übertrieben ist, aber obwohl es unter Wasser war, habe ich das Gefühl, dass es zumindest in meinem Körper richtig geknallt hat. 😱

Zwei Minuten später kommt meine Hebamme ins Badezimmer. Sie ist richtig gut gelaunt und freut sich anscheinend, mich so leiden zu sehen.

Alte Sadistin.

„Darf ich dich untersuchen?“, fragt sie ruhig und in diesem Moment bin ich so unendlich dankbar, nicht in einem Kreißsaal zu sein mit Dauer-CTG, Ärzten, mir unbekannten Hebammen und irgendwelchen Interventionen.
Ich nicke und denke nur: Bitte nicht erst 2 cm. Bitte nicht erst 2 cm.
„Gute 7 Zentimeter!“, ruft sie freudig und ich spüre, wie eine Last von mir abfällt.

Sieben Zentimeter! Das heißt, dass es jetzt nicht mehr so lange dauern kann.

Das Schlimmste hab ich hinter mir.

15. Januar, 1 Uhr

Noch in der Wanne kommt die erste Presswehe und ich bin völlig überrascht. Muss ich jetzt schon pressen? Ach nein, nicht pressen, hab ich gelernt, das ist eher kontraproduktiv. „Runteratmen“, schieben.

Soll ich das jetzt machen?

Ich will meine Hebamme fragen, aber ich weiß nicht, wie.
„Wann kommt die Austreibungsphase?“, frage ich in einer Wehenpause.
„Das musst du mir sagen“, antwortet sie und hilft mir so noch einmal, mich ganz auf mein Körpergefühl zu verlassen.

Noch nicht schieben, sagt ein Gefühl in meinem Körper. Lass dich einfach treiben.

Das tue ich – und prompt lasse ich mich bei der nächsten Wehe etwas zu sehr gehen, sodass wir das Wasser wechseln müssen.

Mist!

Ich wollte gerne in der Wanne bleiben, aber ich habe den Wassertank schon aufgebraucht und bis es wieder heißes Wasser gibt, dauert es noch mindestens eine halbe Stunde.

Also gut, dann eben zurück ins Schlafzimmer. Wir passen eine Wehenpause ab und meine Hebamme und mein Mann, der seit dem Blasensprung an meiner Seite ist, stützen mich.

Im Bett lasse ich mich auf die Matratze fallen. Um ganz bei mir zu bleiben, lasse ich die Augen zu und arbeite einfach mit den Wehen. Es ist Mitternacht oder ein Uhr, keine Ahnung. Die zweite Hebamme stößt hinzu und unterstützt meine Hebamme.

Die Austreibungsphase hat begonnen. Endlich! Das heißt, dass es nicht mehr lange dauert.
Aber es dauert. Und dauert.
Ich habe Berichte gelesen, in denen haben Frauen drei, vier Mal gepresst und das Kind war da. Ich presse seit nahezu zwei Stunden! Und ich kann genau spüren, wo sich der kleine Kopf befindet.

„Schön langsam!“, flehe ich mein Baby an, als es bei einer Wehe wieder viel zu schnell für meine Begriffe vorwärts kommt.

Und es hört auf mich: Unsere Maus lässt sich Zeit.

 

15. Januar, 1:51 Uhr.

„Beim nächsten Mal musst du etwas länger mitpressen“, instruiert mich meine Hebamme, aber ich kann irgendwie nicht. Wenn es vier Presswehen wären, okay, aber es sind immer nur drei und ich kann von selbst keine Kraft aufbringen, eine vierte zu imitieren.

Dem Baby macht das nichts aus, die Herztöne sind fantastisch. Trotzdem wird es langsam Zeit.

Vor mir ist unser verspiegelter Schrank. Ich sehe mich im Vierfüßler, bei jeder Wehe bäume ich mich auf und dann sehe ich es: Der Kopf!

Ich kann den Kopf sehen!

Was für den einen oder anderen vielleicht spooky oder sogar eklig klingt, ist für mich ein einziger Zauber. Ich fühle ihre Haare und freue mich so sehr, dass ich sie gleich in den Armen halten werde.

„Jetzt komm schon“, feuere ich das Baby vor der nächsten Wehe an. Was mir zuerst zu schnell ging, dauert nun zu lange.

Kein Wunder, dass man im Englischen „labour“ zu den Wehen sagt: Es ist verdammt harte Arbeit.

Der Kopf wird weiter sichtbar, rutscht dann aber nach den Wehen immer wieder zurück. Ich brauche mehr Energie.

„So, beim nächsten Mal noch etwas länger“, sagt sie und feuert mich tatsächlich an, als die nächsten Wehen kommen. „Los, los, los, los, los!“

Und dann – zack! – ist der Spuk vorbei. Unsere Maus wird in einem Rutsch mit Kopf und Körper geboren. Die Hebamme saugt den Schleim aus der Lunge ab und schiebt mir meine Tochter zwischen den Beinen nach vorne. Sie atmet ganz ruhig, weint nicht. Hat ihre Augen geschlossen.

ch streichle sie und weiß gar nicht, was ich machen soll. Alles ist so surreal.

„Darf ich sie auf den Arm nehmen?“, frage ich unsicher und meine Hebamme lacht auf.

Natürlich darf ich das!

Unsere Maus sieht sich kurz um und schreit.
Es ist wahrlich das schönste Geräusch der Welt.

Ich nehme sie vorsichtig hoch und lasse mich nach hinten gleiten.

15.1., 1:51 Uhr. Gutes Timing.

Willkommen auf der Welt, Johanna.

Written by Annika

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